Mittwoch 22. August 2018

"Ich war irgendwie entwurzelt"

 Siegrun Herzog

 

Zeitzeugin. Dorothea Simon, geboren 1918 in Wien. Staatsbürgerschaft: Österreich. Davor: Tschechoslowakei, USA, staatenlos.

 

Aufgezeichnet von Siegrun Herzog

 

"Aufgewachsen bin ich im ersten Bezirk in der Börsegasse. Mein Vater stammte aus Böhmen. Nach dem Ersten Weltkrieg hat er sich für die tschechische Staatsbürgerschaft entschieden, dadurch war ich auch tschechische Staatsbürgerin. Dass ich keine Österreicherin bin, habe ich erst in der Schule erfahren, es hat mir aber nichts bedeutet. Die Politik hat mich nicht sehr berührt. Ich erinnere mich nur an den Justizpalastbrand1 im Sommer 1927. Meine Eltern haben mir gesagt, dass die bösen Sozialdemokraten den Justizpalast angezündet haben. Das ist alles, was ich darüber erfahren habe.

1934 hab’ ich eine Zeitschrift in die Hand bekommen, die ,Gerechtigkeit‘, herausgegeben von Irene Harand, die eine Organisation gegen Menschennot und Rassenhass gegründet hatte, aber auch dem Dollfuß-Regime nahe gestanden ist, von alldem wusste ich aber nichts. Ich wollte mit Freundinnen auf einen Skikurs fahren und in der ,Gerechtigkeit‘ fand ich eine Notiz, dass der Chor der Harand-­Bewegung einen veranstaltet – da sind wir mitgefahren. Ich habe zuerst nicht begriffen, dass der Harand-Chor eigentlich eine getarnte Organisation war, nämlich der verbotene Verein der Sozialistischen Mittelschüler. Bei diesem Skikurs wurde eifrig sozialistische Propaganda gemacht. Ich habe mich diesem Harand-Chor dann in Wien angeschlossen und dort etwa Mitzi Jahoda und Paul Lazarsfeld kennengelernt. So wurde ich politisiert. Das war mein Freundeskreis, der zum Teil zeitlebens gehalten hat. Meine Eltern waren nicht sehr erfreut darüber, vor allem weil ich dort einen Freund fand. Er war dann auch politisch inhaftiert und ich weiß noch, wie meine Mutter mir zynisch gesagt hat: ,Dein Proletarier-Sträfling hat angerufen‘.

Meine Eltern haben mich 1937 nach Prag geschickt auf eine neue Schule für Sozialarbeit, in der es eine deutsche Abteilung gab. Sie wollten mich wohl von dieser Gesellschaft wegbringen. Ich konnte zwar kein Wort Tschechisch, bin aber trotzdem sofort der sozialistischen Jugend beigetreten. Weil ich groß war, habe ich immer die Fahne voraustragen dürfen bei Aufmärschen gegen die ­Henlein2-Leute, das waren die Nazis.

In den Sommerferien 1938 kam ich zu einer Tante nach England, währenddessen wurden die Sudetengebiete an Deutschland abgetreten und die deutsche Abteilung meiner Schule wurde geschlossen. Ich hätte im Herbst zurück sollen, aber es gab kein Zurück. Da bin ich in England geblieben. Demokratie heißt für mich Toleranz, Minderheitenrechte, Gedankenfreiheit, Redefreiheit, Pressefreiheit, all das habe ich in England auch erlebt – es hat mir viel bedeutet.

Durch meine Heirat mit einem Amerikaner österreichischer Herkunft 1944 hab’ ich meine tschechische Staatsbürgerschaft verloren und war staatenlos. Um die amerikanische zu  bekommen, musste man einige Zeit in Amerika leben und eine Prüfung bestehen. Ich bin mit einem sogenannten Nansen-Pass3 gefahren. Mit welchem Gefühl? Na ja, so war es halt. Als ich später die US-Staatsbürgerschaft hatte, fühlte ich mich nicht als Amerikanerin, ich war irgendwie entwurzelt: Bin ich Tschechin, bin ich Österreicherin, bin ich Amerikanerin? Ich wusste nicht, wohin ich gehörte.

Nach dem Krieg wollte mein Mann unbedingt zurück nach Wien und hat wieder die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen, dadurch wurde ich auch Österreicherin, vom Gefühl her bin ich es bis heute nicht. Ich habe echte Demo­kratien kennengelernt, das Österreich der Nachkriegszeit war etwas anderes.
Unsere aktuelle Regierung entspricht nicht meiner Vorstellung von Demokratie. Was soll ich Leuten sagen, die FPÖ wählen? Dass das keine gute Idee ist? Nachdem immer weniger Menschen über diese Zeit Bescheid wissen, wird das nichts nützen. Ein Patentrezept habe ich auch nicht, aber ich bin überzeugt man muss bei der Bildung ansetzen, die Jugend einen anderen Begriff von Demokratie lehren. Und bevor es zu philosophisch wird: Jetzt trinken wir Kaffee.“ •

 

1 Im Jänner 1927 wurde eine Versammlung von Sozialdemokraten in Schattendorf von Anhängern des rechten Frontkämpferbundes angegriffen, zwei Menschen wurden getötet. Das als skandalös empfundene „Urteil von Schattendorf“, das alle drei Angeklagten freisprach, löste am 15. Juli 1927 Demonstrationen in Wien aus, die sich bald um den Justizpalast als Symbol der parteiisch empfundenen Gerichtsbarkeit konzentrierten. Als das Gebäude in Flammen stand, erteilte der Wiener Polizeipräsident Schießbefehl – 89 Demonstranten starben.

2 Konrad Henlein (1898–1945), führender deutschnationaler Politiker in der Tschechoslowakei.

3 Reisepass für staatenlose Flüchtlinge und Emigranten.

                                              

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