Freitag 27. November 2020
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univie 3/2020

 Nov - Feb

 

es wird wieder ...

Allerorts wird derzeit an der Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten gegen Sars-CoV-2 geforscht. Ein Blick hinter Labortüren.
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Ein Piks, der die Welt retten soll. Dass derart viele Forscher*innen weltweit an einem Thema arbeiten, gab es wohl noch nie zuvor. Wir haben mit einem Virologen, einem Biotechnologen und einer Sozialwissenschafterin über das Impfen gesprochen: die Entwicklung von Covid-Impfstoffen und Impftechnologien sowie die Einstellung der Österreicher*innen dazu. Sie haben den Switch rasch hinbekommen und leisten ihren Beitrag zum Umgang mit der Pandemie, unvorbereitet waren sie freilich nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Leseprobe aus dem Schwerpunkt: 

Ärmel hochkrempeln.
Impfstoffe und Medikamente gegen das Coronavirus

 

 

Text: Siegrun Herzog

 

Apokalyptisch, außergewöhnlich, eine noch nie dagewesene Katastrophe – so beschreibt Peter Palese die Lage in New York City im März dieses Jahres, als die Corona-Pandemie auch über die USA hereinbrach. Der austroamerikanische Virologe forschte zu diesem Zeitpunkt an der Mount Sinai Medical School in Manhattan, zu der auch das größte Krankenhaus New Yorks gehört, an der Verbesserung eines Influenza-Impfstoffes. Der 75-jährige Wissenschafter berichtet von 2.000 Patient*innen auf der Intensivstation und von 80 Toten pro Tag, allein in diesem Spital. Schon bald war klar, dass alle Energie ab nun der Erforschung des Coronavirus Sars-CoV-2 gelten müsse. New York gehörte im Frühjahr zu den von der Corona-Pandemie am schwersten getroffenen Städten weltweit. Fast 24.000 Menschen starben in der Acht-Millionen-Einwohner-Metropole an den Folgen einer Coronavirus-Infektion.

 

Von Influenza zu Covid-19. „Genau wie das Influenza-Virus ist das Coronavirus ein RNA-Virus, das seine genetische Information in der Ribonukleinsäure trägt. Es ist also ein sehr ähnliches Gebiet, in dem ich mein gesamtes Forscherleben lang gearbeitet habe“, sagt Palese, der in den 1960er-Jahren an der Universität Wien Chemie und Pharmazie studiert hat. Der Switch sei daher rasch zu bewerkstelligen gewesen. „Wir sind rund 240 Leute am Department, und nahezu alle von uns sind derzeit an der Erforschung verschiedenster Aspekte in Bezug auf Covid-19 befasst.“

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Palese und sein Team arbeiten, wie einige Hundert andere Forschungskonsortien in aller Welt, an der Entwicklung eines Impfstoffes gegen das Coronavirus. Der Ansatz, den Paleses Labor dabei verfolgt, macht sich die sogenannte Vektortechnologie zunutze, bei der ein anderes, harmloseres Virus quasi als Transporter benutzt wird, um die Information – ähnlich einem Trojanischen Pferd – in den Körper zu schleusen. Von wissenschaftlicher und technischer Seite habe man die Aufgabe weitgehend gelöst, zeigt sich Palese optimistisch. Problematisch seien aber die klinischen Studien, die sehr teuer seien, und da gerade so viele verschiedene Impfstoffe weltweit getestet werden, sei es aktuell besonders schwierig, Proband*innen für die klinischen Studien zu gewinnen.

„Den Krankheitsverlauf bei einem 75-jährigen Patienten so abzuschwächen, dass er einen Verlauf eines 45-Jährigen hat,

wäre schon ein Erfolg.“

 

Dr. Peter Palese,
Alumnus der Chemie und Pharmazie,
Professor an der Icahn School of Medicine, New York

© privat

Angesichts der erforderlichen Menge an Impfdosen von mehreren Milliarden Stück, um alle Impfwilligen weltweit zu versorgen, seien die enormen Anstrengungen und die vielen unterschiedlichen Ansätze, die sich derzeit in Entwicklung befinden, jedenfalls mehr als gerechtfertigt, stellt der Virologe fest. Wenn es unterschiedliche Impfstoffe gibt, könne auch das Risiko von Nebenwirkungen abgeschwächt werden. Aber sogar ein lausiger Impfstoff sei besser als keiner, ist Palese überzeugt. „Den Krankheitsverlauf bei einem 75-jährigen Patienten so abzu­schwächen, dass er einen Verlauf eines 45-Jährigen hat, wäre schon ein Erfolg“, ist der Wissenschafter, der aufgrund seines Alters selbst zur Risikogruppe zählt, überzeugt.
Das Vorpreschen Russlands mit dem Impfstoff „Sputnik V“ hält der Virologe angesichts der alarmierenden Situation nicht für verantwortungslos. „Wir hatten über 200.000 Todesfälle allein in den USA, ich denke, wir sollten ein bisschen mutiger sein und die Impfung zumindest jenen Menschen zukommen lassen, die sie bereits jetzt bekommen möchten“, so Palese.

IMPF-PFLASTER. Auch den im September neu an die Uni Wien berufenen Deutschen Christoph Rademacher beschäftigt das Coronavirus. Der Professor für Molecular Drug Targeting will in Wien seine Forschung an einer innovativen Impftechnologie, auch gegen Sars-CoV-2, fortsetzen. In diesem Forschungsbereich geht es grob gesagt darum, Wirkstoffe an ihren Wirkort zu bringen. „Wir versuchen sozusagen eine Verpackung für die Wirkstoffe auf molekularer Ebene zu finden, die dafür sorgt, dass diese nur an jenen Zellen wirken, wo sie tatsächlich hinsollen.“ Das habe unter anderem den Vorteil, Nebenwirkungen zu minimieren und die Effi­zienz zu erhöhen, so Rademacher.

 

Um das zu bewerkstelligen, arbeiten Rademacher und sein Team, das ihm vom Max-Planck-Institut in Potsdam nach Wien gefolgt ist, an einer ganz besonderen Technologie: Impfstoffe sollen dabei über die Immunzellen der Haut in den Körper gelangen und von dort eine Immunisierung im ganzen Körper auslösen. Bei dieser Impfung soll man aber ohne Injektion auskommen, denn freigesetzt wird der Impfstoff über ein Pflaster.

© privat 

„Wir können mit unserem Produkt dazu beitragen,

die vorhandenen Impfstoffe effizienter zu machen.“

 

Univ.-Prof. Christoph Rademacher,
Professor für Molecular Drug Targeting, Uni Wien

„Das Anbringen des Mikronadelpflasters fühlt sich so an, als ob eine Katze mit ihrer rauen Zunge über die Haut leckt, tut also praktisch nicht weh“, so Rademacher. Das Wegfallen konventioneller Nadeln sei in Zeiten von Corona, wo alles auf einen Impfstoff wartet, freilich nicht der große Selling Point, ist sich der Biotechnologe bewusst. Der Vorteil dieser Impfmethode liege vielmehr in deren Effizienz. Bis zu 10 oder sogar 20 Mal mehr Personen könnten wahrscheinlich mit der gleichen Menge an Impfdosen mit dieser Methode geimpft werden. „Ich glaube nicht, dass wir diejenigen sein werden, die den einen Corona-Impfstoff für die Welt herstellen werden, sondern vielmehr, dass wir mit unserem Produkt dazu beitragen können, die vorhandenen Impfstoffe effizienter zu machen“, stellt Rademacher fest.


Nutzen könnte man die Impfung über die Haut künftig auch für andere Krankheiten. „Wenn es uns gelingt, beim Menschen die Immunzellen anzusprechen, können wir nicht nur das Immunsystem aktivieren, was Grundlage für viele Impfstoffe wäre, wir könnten es vielleicht auch deaktivieren. Das wäre etwa für die Entwicklung von Medikamenten gegen Autoimmunerkrankungen oder Entzündungserkrankungen der Haut sehr interessant.“ In diesem Zusammenhang plant der Biotechnologe schon bald eine Firma auszugründen, am liebsten in Wien.

Impfen oder nicht impfen? Dass der eigene Forschungsschwerpunkt durch Corona plötzlich brandaktuell wurde, hat auch Katharina Paul erlebt. Die Politikwissenschafterin beschäftig sich schon länger mit Impfpolitik, ursprünglich mit der Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV). Im Zusammenhang mit einer künftigen Corona-Impfung interessieren die Sozialwissenschafterin Impfsysteme und -infrastrukturen in verschiedenen Ländern, aber auch Praktiken der Solidarität. „Mit dieser Pandemie scheinen so viele Länder etwas gemeinsam zu haben. Allerdings wirkt sich diese sehr unterschiedlich aus, weil sie auf unterschiedliche Gesellschaften trifft, auf unterschiedliche politische Systeme, unterschiedliche Gesundheitssysteme.“ Gerade wenn es darum gehe, die Kollateralschäden dieser Krise zu bewerten, können die Sozialwissenschaften einen wichtigen Beitrag leisten, so Paul.

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Das Thema Impfen ist zweifellos eines, das stark polarisiert. Darauf deuten die in Österreich im Zuge der „Corona Panel Project“-Studie erhobenen Daten hin: Rund 50 Prozent der Befragten gaben an, sich impfen lassen zu wollen, sobald ein Impfstoff gegen Covid-19 verfügbar ist. Ein Drittel nahm eine ablehnende Haltung ein. „Wir sehen, dass Impfskepsis in Österreich durchaus ein Thema ist. Bei manchen Impfungen, wie Influenza oder Masern, haben wir im europäischen Vergleich auffallend geringe Impfraten“, so Paul. Allerdings sei der Anteil der tatsächlichen Impfgegner mit ein bis fünf Prozent gering, und die niedrigen Impf­raten könnten somit nicht auf grundsätzliche Impfskepsis reduziert werden. Vielmehr liegen diese auch an den unzureichend koordinierten Impfangeboten sowie mangelndem Vertrauen.

 

Warum polarisiert das Impfen so? Und wie könnte die Politik gegensteuern? In öffentlichen Impfsystemen greife der Staat sehr stark in die Privatsphäre von Bürger*innen ein und wecke dadurch eben auch Widerstand, so Paul. Aber auch das Thema Unsicherheiten spiele eine Rolle: Nebenwirkungen von Impfungen werden insbesondere in den sozialen Medien zunehmend mehr thematisiert, das fördere auch Verschwörungstheorien. „Das Aufeinandertreffen von Staat, Gesellschaft und Wissenschaft macht es zu einer so heiklen Entscheidungssphäre für viele Bürger*innen.“

„Wir sehen, dass Impfskepsis in Österreich

durchaus ein Thema ist.

Bei manchen Impfungen, wie Influenza oder Masern,

haben wir im europäischen Vergleich

auffallend geringe Impfraten.“
 

Dr. Katharina T. Paul, 

Politikwissenschafterin, Uni Wien

© Sengmüller
 

Paul fände es sinnvoll, zum Impfen zu ermutigen. Orte, wo Gespräche, Begegnungen und Information stattfinden können, wo Platz ist für individuelle Sorgen und Ängste. „Ich halte etwa die public health nurses, die wir aus Großbritannien oder den Niederlanden kennen, für eine sinnvolle und niederschwellige Einrichtung – ich muss nicht extra in eine ärztliche Praxis gehen, sondern kann mit geschultem Pflegepersonal reden. Das hat sich bei der Impfung gegen HPV in manchen anderen Ländern als nützlich erwiesen.“

Zum aktuell kollektiven Warten auf einen Corona-Impfstoff meint Paul: „Diese Politik der Hoffnungen und Versprechungen, wo mit einem konkreten Zeitpunkt gespielt und suggeriert wird, Anfang 2021 gäbe es einen Impfstoff und damit eine neue Normalität, ist für mich ein gutes Beispiel dafür, wie das Thema Impfen politisch instrumentalisiert wird.“ •

                                              

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